Alexander Leipold: Freistil-Ringer, Deutscher Meister, Europa- und Weltmeister, Olympiasieger

Auf dieses Interview habe ich mich schon lange - eigentlich seit Weihnachten - gefreut. Denn die Geschichte dieses Athleten und Menschen ist außergewöhnlich. Außergewöhnlich erfolgreich. Aber  auch außergewöhnlich schicksalhaft. Von Alexander Leipolds Geschichte war ich schon vor knapp 10 Jahren fasziniert, als ich ihn das erste Mal für ein Life-Style-Magazin interviewen durfte. Alex wohnt in der Nähe von Aschaffenburg, wir waren fast Nachbarn. 🙂

Zunächst ein paar geschmeidige Fakten: Der ehemalige  Freistil-Ringer Leipold war 21facher deutscher Meister, 4facher Europameister, 2facher Weltmeister, Finalsieger der Olympischen Spiele und (2005) Mastersweltmeister. Die ganze Liste findest du hier. Insbesondere der letzte Titel ist der Hammer, denn...

Ein dreifacher Schlaganfall während einer Wettkampfreise 2003 zwang den Leistungssportler in der Blüte seiner Karriere in  die Knie. Aber nur vorrübergehend.  Was sein Antrieb war? Lest die Antwort gleich. Natürlich war ich besonders neugierig, wie ein Mensch mit dieser Vita  über Gesundheit, Ernährung und Fitness heute denkt und wie das Training eines Profi-Ringers aussieht.

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Deine Meistertitel lesen sich unglaublich. Den Erfolg hast du dir hart erkämpft. Wie viele Stunden täglich hast du damals trainiert?
Vielen Dank. Ich habe seit meinem 5. Lebensjahr 5x die Woche à 2 Stunden trainiert und dazu die Wettkämpfe am Wochenende. Ab dem 15. Lebensjahr kamen die Lehrgänge der Nationalmannschaft dazu. Hier waren wir über 100 Tage unterwegs und trainierten bis zu 13x die Woche à 2-3 Stunden

Was hast du neben dem technischen Training getan, um dich körperlich und mental fit zu halten?
Das Training ist sehr vielfältig. Die Technik ist besonders wichtig, dazu kommen Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer.

Wie gingst du mit Stress und Lampenfieber um?
Ich habe mich auf meine Ziele und Aufgaben fokussiert. „Wer kämpft kann verlieren, und wer nicht kämpft, hat schon verloren“ war mein Motto, was mir den Druck genommen hat, unbedingt gewinnen zu müssen.

Wie hast du dich vor, zwischen und nach den Wettkämpfen ernährt?
Bananen und Bananen-Mix mit Haferflocken und Honig.

Nahmst du Nahrungsergänzungsmittel und wenn ja, welche?
Bei einer gesunden Ernährung ist alles vorhanden. Bei Leistungssportlern, die viel schwitzen, kann es sein, dass Mineralien fehlen, die man dann zusätzlich nehmen sollte.

Gab/gibt es Lebensmittel, die du meidest, z.B. Gluten.
Eigentlich nicht. Wobei ich seit einiger Zeit keine Milch mehr trinke, weil ich in verschiedenen Berichten gelesen haben, dass Milch dem erwachsenen Menschen mehr schadet als nutzt.

Was hast du getan, um dich vor einem Wettkampf in Stimmung zu bringen?
Da gab es ein lustiges Ritual. Ich habe mich vor jedem Kampf ohrfeigen lassen. Der Grund war ganz einfach: Danach war ich wach und aufmerksam und voll bei der Sache.

Und was, um danach wieder runter zu kommen?
Lockeres Auslaufen und Dehnen, meine nächsten Gegner beobachten, manchmal etwas lesen.

Was sind typische Verletzungen in deiner Sportart?
Es gibt eigentlich keine typischen Verletzungen beim Ringen. Die meisten Verletzungen gibt es beim Aufwärmspiel. Dennoch gibt es natürlich auch Schulter- und Knieverletzungen.

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Foto: Stiftung Deutsche Sporthilfe

Was hast du zur Vorbeugung getan?
Um Verletzungen vorzubeugen sind Kraft-, Koordinations- und Flexibilitätstraining unumgänglich.

Was waren das für Übungen, insbesondere im Bereich Koordination und Konzentration?
Da haben wir im Grunde alles ausprobiert, was es so gab - vom Trainieren mit verbundenen Augen, dem Wackelbrett über Gummiseile bis zum Bulgarian Bag. Das technische Training im Ringersport ist da sehr umfassend und umfasst die gesamte Muskulatur. Bezüglich Konzentration kann ich nur sagen: Üben, Üben, Üben.. 🙂

Wendest du heute (fernöstliche) Meditationstechniken an bzw. hast du dies damals getan?
Heute wende ich keine fernöstlichen Meditationstechniken mehr an. Nach meinen Schlaganfällen empfand ich Tai-Chi *  als sehr wertvoll, da der meditative Aspekt den Geist klärt und zur Entspannung beiträgt. (*Anm. Tai Chi ist eine Form von Qigong, auch als Schattenboxen bekannt.)

2003, mit 34 Jahren, war das schwärzeste Jahr deines Lebens. Du hattest nach einer Viruserkrankung drei Schlaganfälle in einer Woche, warst halbseitig gelähmt, konntest nicht sprechen und kaum schlucken. Wie hast du dich ins Leben zurückgekämpft?
Mein größter Antrieb war sicherlich, nicht als Pflegefall zu enden. Ich wollte ein ganz normales Leben führen und alles selbstständig machen können. Egal ob Zähne putzen, essen oder mit meinem Sohn spielen. Ich wollte nicht mit 34 im Rollstuhl sitzen und für alles Hilfe benötigen. Das war meine größte Motivation. Zusätzlich war ich zur Reha im Medical Park Bad Rodach. Dort bekam ich verschiedene Therapien, wie zum Beispiel Gleichgewichts- und Koordinationstraining. Auch die Ergotherapie und logopädische Maßnahmen gehörten zu meinem Reha-Programm. Danach habe ich noch eine Reittherapie mit Werner Kraß auf dem Heidhof in Sailauf gemacht.

Hast du aus psychologischer Sicht in der Retroperspektive eine Erklärung für die Erkrankung gefunden?
Natürlich ist immer ein gewisser Druck in der Vorbereitung da, aber mir ging es damals körperlich hervorragend, ich hatte gerade wieder einen Titel geholt und war hochmotiviert. Jetzt, also nach meiner Ausbildung zum Diplom-Trainer, finde ich eines wichtig: Höre immer auf deinen Körper. Deshalb sage ich immer zu meinen Schülern: Wenn du jetzt eine Pause brauchst, nimm sie jetzt. Damit du nicht in zwei Wochen für längere Zeit ausfällst. Das machen sicher nicht alle Trainer so.

Wie hat dich diese Erfahrung im Speziellen und der Sport im Allgemeinen persönlich geprägt?
Die Schlaganfälle haben mich sehr geprägt. In solch einem Moment wird einem bewusst, dass es definitiv jeden treffen kann. Ich war körperlich in bester Form, habe nicht geraucht und keinen Alkohol getrunken. Da kommt einem sowas nicht in den Sinn. Das ist auch der Grund, warum ich mich sehr für die Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe engagiere. Mir ist es wichtig auf dieses Thema aufmerksam zu machen und die Menschen dafür zu sensibilisieren.

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Foto: Inspiration Sport Deutschland

Es trifft eben nicht nur alte Menschen. Auch Kinder, junge Menschen und ja, auch Sportler, sind betroffen. Das ist auch der Grund, warum mein neues Buch als Mutmacher-Buch geschrieben ist. Ich will den Leuten Mut machen. Ich will, dass sie sehen, dass man durchaus als komplett gesunder Mensch, der keine bleibenden Schäden hat, aus dem Kampf hervorgehen kann. Was man dazu braucht sind Ehrgeiz und der unbändige Wille es zu schaffen. Das ist, denke ich, in meinem Buch sehr gut beschrieben. Ich hoffe, den Menschen - mit egal welchen Rückschlägen - damit zu helfen und sie motivieren zu können, jeden Tag weiter zu machen; den Kopf nicht in den Sand zu stecken und immer nach vorne zu schauen.

Auch in meinen Vorträgen geht es unter anderem darum, dass es die eigene Entscheidung ist, ob man am Boden liegen bleibt oder ob man seine Kräfte zielgerichtet mobilisiert und über sich hinauswächst. Oder auch wie man mit Niederlagen umgeht, Rückschläge gewinnbringend verarbeitet und neue Wege zum Ziel entdeckt und sich Siegeswillen aneignet.

Welche Eigenschaften/Erfahrungen aus dem Sport kannst du in deinem jetzigen Beruf anwenden?
Charaktereigenschaften wie Ausdauer, Leistungsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit oder Teamfähigkeit, die auch in der beruflichen Karriere außerhalb des Sports förderlich sein können, werden in verstärktem Maße ausgebildet. Strategisches Denken, Disziplin und Beharrlichkeit sind im Sport wie im Berufsleben erfolgversprechende Eigenschaften.

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Was arbeitest du heute?
Ich bin Einkäufer und Disponent in einem erfolgreichen mittelständischen Unternehmen in der Region. In meiner Freizeit halte ich Motivationsvorträge und engagiere mich für soziale Zwecke.

Was sind deine Ziele für die nächsten 20 Jahre?
Mein wichtigstes Ziel ist, dass ich mit dem, was ich mache, zufrieden bin. Mein größter Wunsch ist, dass meine Familie und mein Umfeld lange gesund und fit bleiben und sich meine Kinder weiterhin so positiv entwickeln.

Vielen Dank für das offene Gespräch, Alex! 🙂

Alexanders neues Mutmacher-Buch "Wer nicht kämpft, hat schon verloren." ist Ende 2015 erschienen und kann (mit Widmung)  bestellt werden unter:  Leipold@feelyourlimit.de zum Preis von 18,90€ zuzüglich 2,50 € Versandkostenpauschale innerhalb Deutschlands.

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Du kennst eine Person mit einer ähnlich interessanten Vita? Einen Sportler oder einen sportlichen, gesundheitsorientierten Unternehmer oder Unternehmerin mit spannendem Lebenslauf? Dann freue ich mich über deinen Tipp!

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